Guck hin! – achtsam Fühlen statt Funktionieren

Die jetzige Phase, in der wir uns befinden, hat es wirklich in sich: Nie habe ich mehr Menschen um mich herum erlebt, die innerlich so fürchterlich zerrissen sind. In deren Augen ich einen Schmerz erkenne, der scheinbar nicht gestillt werden kann.
Im unsteten Blick erkenne ich die alten Kompensations-Muster:

Ich muss nur noch etwas besser funktionieren, mehr leisten/haben, dann werde ich glücklicher, zufriedener, gesünder (was-auch-immer) sein.

Doch dieses Muster hat ausgedient. Die innere Stimme wird immer lauter; die innere Leere brüllt uns an.
Sie lässt sich nicht mehr wegschieben durch Ablenkungen wie TV, Alkohol, Konsum und Co.!

Du bist KEIN Roboter!

Uns wurde Zeit unseres Lebens eingetrichtert, dass wir uns nur noch mehr anstrengen müssten, wenn wir unzufrieden sind. Wunschgemäß funktionieren müssen, um Anerkennung, gute Noten, elterliche Zuneigung und Akzeptanz von Freunden oder Gesellschaft zu erhalten.

Kurzfristige Erfolge haben die beginnende Leere (ich nenne es „des sich-verbiegen-müssens“) in uns besänftigen können. Lauter kleine Häppchen Besänftigung; die neuen Schuhe, das neue Handy, Auto, Beförderung – doch schneller als sie gekommen sind, ist dieses positive Gefühl auch schon wieder vorbei.

Denk an ein Baby, das ganz ehrlich und pur seine Bedürfnisse fühlt – und lautstark mitteilt.
Dann zeigt ihm die Erziehung, wie es „gewünscht“ ist. Lieb, nett, angepasst – ansonsten gibt’s Ärger, schlechte Noten, Ablehnung.
Und schon beginnt es, seine eigenen Bedürfnisse zu überspielen, manche sogar abzulehnen. Zumindest läuft dieses „Spiel“ in unserer westlichen Welt oft genug so ab…

Lebensqualität
Lebensqualität

Was bleibt, ist die Leere

Immer mehr werden sich allerdings klar darüber, dass die Bedürfnisse von Körper und Seele/Innenleben sich nicht mehr totschweigen lassen.

Nur: sie zu verstehen oder interpretieren zu können, haben wir oftmals völlig verlernt!

Zurück bleibt lediglich ein unterschwelliges Unbehagen, das wir mit Oberflächlichkeiten und Ablenkungen zu stillen versuchen. Und die Industrie macht kräftig mit: TV, Internet, Werbe- und Kaufangebote allerorts, Konzerte, Theater, Kneipen…

HÖR HIN! FÜHL HIN!

Es will wahr genommen werden, Dein Innerstes. Ebenso wie Deine körperlichen Bedürfnisse.

Und das kann trainiert werden, so wie ein kleines Kind sprechen und laufen lernt. Auch wenn es dabei immer wieder mal hin fällt oder strauchelt, irgendwann läuft es.

Achtsamkeit
Achtsamkeit

Achtsamkeit – der Weg zu Dir

Der Weg zum Spüren ist so einfach wie schwer: Achtsamkeit.

Viel wird über sie geschrieben – oft (leider?) in dermaßen esoterischem Kontext, dass besonders viele Männer nichts davon hören wollen – geschweige denn sich Gedanken darüber machen, was genau denn da gemeint ist.

Doch das ist Blödsinn!
Es geht einfach nur um Deine unverfälschte Wahrnehmung Deiner selbst. Und genau dieses „einfach“ ist für Viele alles andere als leicht.

Selbst Hunger, Durst, Müdigkeit, Erschöpfung rechtzeitig wahr zu nehmen, haben viele von uns verlernt:

  • Ist Deine Kehle trocken, BIST Du bereits dehydriert
  • Knurrt Dein Magen, BIST Du bereits ausgehungert
  • Fallen Dir die Augen zu, BIST Du bereits übermüdet

Das gilt auch umgekehrt:

  • Begeisterung – wie GROSS muss heute der Impuls dafür sein?
  • Lautstärke – ab wie viel Dezibel wird’s unangenehm?
  • Schmerz, Krankheit – ab WANN kannst Du es nicht mehr ignorieren?
  • Fühlst Du Sättigung, bist Du erwiesenermaßen schon seit einigen Momenten satt.
    Diese „Meldung“ wird verzögert an das Gehirn weiter gegeben – und in Zeiten, wo wir eher schlingen als essen, hat bereits viel mehr Nahrung als nötig unsere Kehle passiert
  • Apropos Essen – Essen? Nein, herunter schlingen. Und dabei gefühlte 1000 andere Dinge tun.

Erinnerst Du Dich?

…konkret an alles, was Du heute zu Dir genommen hast? Jeden Schoko-Riegel, jeden einzelnen Bissen Brot, Müsli, Mahlzeit?

Erinnerst Du Dich an den Geschmack, die Konsistenz? Könntest Du die Gewürze und Zutaten identifizieren? (Mach da mal ein Spiel draus…) Erinnerst Du Dich an Dein Tempo, Deine Gedanken, gleichzeitige Aktionen? (TV gucken, Zeitung lesen, Facebook checken…)

Überstimulation macht krank

Wenn Du Dir die ersten Punkte des vorherigen Absatzes ansiehst, wirst Du vermutlich feststellen, dass Du diese Dinge tatsächlich erst bemerkst, wenn es ein ZUVIEL davon gibt.

Woran liegt das?

Warum können wir nicht mehr „gesund“ wahrnehmen?

Meiner Ansicht nach gibt es da verschiedene Einflüsse:

  • das Hamsterrad meiner Gedanken
  • die endlos lange To-Do-Liste
  • Multimediale Informationsflut im Sekundentakt
  • Stress, Hetze
  • Überwürzte Speisen, übersteuerte Bässe, Übermaß an „Input“

Wir sind abgestumpft

All diese Punkte haben uns abstumpfen lassen – und ganz ehrlich? Das ist ein verständlicher Mechanismus des Menschen. Ansonsten würden wir verrückt werden, oder aggressiv oder, oder, oder. Es ist ein Schutzmechanismus – der uns aber nicht gut tut.
Besser ist es, sich immer wieder zwischendurch kurz auf sich selbst zu besinnen.

How to – kleine Übung

Es braucht etwas Übung und Wiederholung, um sich selbst wieder wahr zu nehmen, aber es geht:

Stell Dir einen Alarm; bestenfalls stündlich oder im 3h-Rhythmus. Blende alle Ablenkungen aus oder schalte sie ab. Schließe die Augen und konzentriere Dich NUR darauf, gaaaanz tief ein zu atmen. Halte Deinen Atem kurz, bevor Du ebenso tief aus atmest – und wieder kurz hältst.
Das machst Du 3-5 Mal.

Nun nimm Dich wahr. (Nicht lachen, sieht ja keiner 😀 )

  • Wie fühlt es sich an, wo Du sitzt/stehst?
  • Wie warm/kalt ist die Umgebung?
  • Welche Geräusche nimmst Du wahr?
  • Kannst Du Dein Herz schlagen spüren?
  • In welcher Stimmung bist Du?
  • In welcher wärst Du gern?
  • Welche Erinnerung, welcher Song schafft es, Dich in diese Stimmung zu versetzen?
    (okay, dieser Schritt ist schon für Fortgeschrittene, erst Mal reichen die anderen Fragen aus)

Wenn Du dieses „In-Dich-Hinein-Fühlen regelmäßig machst, wirst Du auch Deine Bedürfnisse, egal ob körperlicher oder innerer Natur, besser und eher wahr nehmen können.

Speziell an die Männer

Diesen Absatz möchte ich gern speziell an die Männer richten, es dürfen sich aber alle gerne darin wieder finden! 🙂

Viele, die ich kenne, wurden als „typischer Junge“ erzogen.
„Indianer kennt keinen Schmerz“, „starkes Geschlecht“, „Ernährer der Familie“ usw.

Das baut nicht nur eine Menge an (Erwartungs-)Druck von außen (Gesellschaft, Familie, Freunde) auf, sondern auch als Anspruch an sich selbst.

Was wäre, wenn Du einfach Dir selbst mal zu gestehst, dass es Dir zuviel wird?
Deinem Auto gönnst Du den Check-up und Ölwechsel – aber Dir selbst nicht DIE Erholung/Regeneration, die Du benötigst – als ob Dein Wagen nur mit Benzin fahren würde (oder mit Wasser).
Du bist – unabhängig von Deinem Geschlecht – ein Mensch. „Unverdorben“ betrachtet ein emotionales, soziales Wesen.

Du hegst aber den Anspruch an Dich selbst, IMMER stark sein zu müssen, NIE Schwäche spüren, geschweige denn zeigen zu dürfen. Du hast den Glauben übernommen, Gefühle und Sensibilität zu zeigen, zeuge von Schwäche.

So hast Du einen fetten Knoten geknüpft, deckelst Deine Gefühle, verdrängst Deine Ängste und spielst den (Erwartungs-)Druck herunter.

Als Mensch handelst Du damit wider Dein Naturell.
Zwing einen Fluss in ein festes Bett, und er wird immer wieder bei Hochwasser über die Ufer treten!

Nicht anders ist es bei Dir, mit Überdruck, zu viel an Ängsten, Gefühlen, Eindrücken.
Deckeln funktioniert eine Zeit lang, wie bei einem Schnellkochtopf. Irgendwann geht er hoch!

Und dann rastest Du aus, oder wirst krank, depressiv, aggressiv, Burnout – was auch immer.

Was, wenn Du jetzt einfach mal nur für Dich, ganz heimlich, akzeptierst, dass Du als Mensch diese Regungen hast? Diese Bedürfnisse, Gefühle, Impulse?

(Ich wiederhole mich gerne: Es sieht keiner, erlaub es Dir doch einfach mal!)

Und dann MACH doch einfach mal die Übung zum „Hineinfühlen“.
Starte am Besten im Feierabend oder am Wochenende. Schaff Dir Allein-Zeit.
Und wenn Du es Dir ernsthaft erlauben kannst, wirst Du Dir ehrlicher begegnen als jemals zuvor.

Warning: Vulkanausbruch

Ehrlicher Weise möchte ich Dich allerdings auch darauf vorbereiten, was passieren kann:

Je länger Du all Deine Emotionen und Bedürfnisse „gedeckelt“ hast, umso stärker könnten sie heraus brechen.
Das kann im ersten Moment überfordernd wirken, übermächtig, schmerzhaft.
Bitte bleib ruhig. Atme ruhig und tief. Konzentriere Dich immer wieder auf die Atmung und guck/fühle nur hin – ohne (Be-)Wertung.
Vielleicht magst Du Dir Notizen machen zu dem, was da hoch kommt.
Versagensängste, Zukunftsängste, Verlustängste, Kindheitsschmerz, Verlustschmerz, gekränkte Eitelkeit – alles ist in Ordnung.
Lass es kommen mit dem Bewusstsein, dass es dann auch wieder weiter ziehen kann – sofern Du es nicht fest hältst und ewig um diesen Punkt herum zirkelst.

Authentizität
Authentizität

Perspektivänderung

Nein, viele dieser Dinge, die da „hoch“ kommen, fühlen sich alles andere als toll an, sagst Du? Befürchtest Du schon vorher?

Doch genau HIER liegt Deine Chance: Dein Potenzial, eine andere Sichtweise einzunehmen.

  • Versagensangst? Es gibt mehr als nur einen Weg, eine Herangehensweise, was sind Deine Stärken? Was hast Du unter widrigen Umständen in der Vergangenheit schon erreicht? Schau, wie weit Du schon gekommen bist!
  • Verlustangst? Was könntest Du tun, um XYZ zu (be-)halten? Könnte es aber auch sein, dass Du die Wichtigkeit überschätzt? Geht Dein Leben ohne XYZ nicht weiter???
  • Verlustschmerz? Was nicht gepasst hat, hat seinen Grund. Was ist Dir wichtig, was hast Du dazu getan, dass „es“ nicht mehr da ist? Erkenne Deine (Mit-)Verantwortung
  • Erfolgsdruck? Wer macht diesen? Konzentriere Dich auf die Ergebnisse, die Du erzielen willst und breche sie in kleine, machbare Teilabschnitte herunter
  • Und vor allem: Sei NETT zu Dir selbst! Unser schlimmster Kritiker sitzt immer noch in unserem eigenen Kopf – aber auch den kannst Du mit mehr Achtsamkeit/ achtsamen Umgang leiser stellen oder regulieren. Kritik kann, darf, nein: SOLL bitte immer konstruktiv formuliert werden – tu so, als wärst Du selbst Dein bester Freund!

Für alles gilt dabei: Persönliches und charakterliches Wachstum findet seltenst in Phasen statt, in denen es uns gut geht. Die „blöden“ Phasen und Katastrophen fordern uns heraus. Rückblickend betrachtet kannst Du normalerweise jeder Scheiß-Zeit oder -Entwicklung auch etwas Positives abgewinnen. Und wenn es das Erkennen Deiner Stärke ist, das Entdecken Deiner Kreativität – whatsoever.

Ohne die Kack-Zeiten wärst Du nicht der, der Du jetzt bist.

So, und jetzt find‘ Dich einfach mal gut; fühl Dich wohl mit Dir und freu Dich, dass Du Dich hast! 😀