1000 erste Male – Motorradtour

Wer wie ich im Sauerland aufwächst, kommt um Motorräder eigentlich gar nicht drum herum.
Zumindest ab 15 mit Mofa, Mokick und oft genug 80er hat bei uns jeder gestartet – und der Großteil ist an der Faszination Motorrad in Verbindung mit den herrlichen Kurvenstrecken bei uns auch hängen geblieben.
Nicht ich.
Ich hatte zwar auch meine Mofas und Mokicks, doch nach insgesamt 13 unverschuldeten Zweiradunfällen dachte ich mir so, dass wir zwei wohl nicht so klasse zusammen passen…
Es ging sogar so weit, dass ich Einladungen zum Motorradfahren abgelehnt habe mit der Begründung, dass der andere ein erhöhtes Risiko eingeht, sich mit mir zusammen auf die Schnauze zu legen. Nee, das konnte und wollte ich echt nicht verantworten.
Bin hin zur 1100er BMW mit Boxermotor habe ich unterschiedlich große Zweiräder unter‘m Hintern gehabt (naja, die zumindest als Sozia), doch auch hier wurde eine kurze Ausfahrt in die Stadt mit 3 Std. Uniklinik, Halskrause und (m)einem zu nahezu 80% in Verbänden verpacktem Körper gekrönt.
Pech gehabt? Okay, das würd ich jetzt für 1-4 Mal gelten lassen, aber gleich 13 Mal???
Dabei war die BMW mit Boxermotor schon immer mein absoluter Traum…

Tour ist nicht gleich Tour

Ist für Euch eine Fahrt in die Stadt, zur Eisdiele oder zum benachbarten Badesee schon eine Motorrad-Tour? Also in meinem Verständnis ist es das nicht.
Ziele, die ich innerhalb einer halben Stunde erreichen kann, haben mit einer Tour herzlich wenig gemeinsam.
So hat es mich selbst total verwundert, dass ich ohne mit der Wimper zu zucken „JA“ gesagt habe, als ich die Möglichkeit bekam, als Sozia auf einer 1200 BMW (ja klar, mit Boxermotor ) ein paar Tage in Garmisch zu verbringen – inkl. Anreise. Um es in Zahlen zu packen:
Vom Sauerland aus bis nach Garmisch hast Du schnell mal eben 680 km auf dem Tacho – ohne irgendwelche staubedingten Umwege.

Traumabewältigung deluxe

Manchmal frag ich mich echt, ob ich Weichei bin oder nicht. Auf der einen Seite heize ich im Bikepark den Freecross runter, und auf der anderen Seite lass ich mich durch Erlebnisse, die gut 25 Jahre her sind, den Spaß verderben.
Nee, hab ich mir gesagt. Das war dann und jetzt ist jetzt.
Also, bei mir ist das so, dass ich den Eindruck habe, mein Fühlen und Denken wird nochmals separat in meinem Kopf kommentiert. Wie oft hab ich mir schon gesagt, dass ich das nun wirklich nicht brauche, also hab ich die zwei „Stimmen“ Waldorf und Stadler genannt. In Anlehnung an die Muppetshow, die beiden greisen Alten oben auf der Balustrade, die dauernd am lästern sind.

Ich denk mir, dass das Eine, was ich erlebe, meine Sinne sind, und das andere mein Verstand, der bei allem nochmal als Co-Kommentator nochmal seinen Senf dazu gibt.
Dadurch, dass ich die Beiden personifiziert habe, kann ich ganz anders mit ihnen umgehen. Ich schicke sie schon seit über einem Jahr regelmäßig zum chillen in die Hängematte, wenn sie wieder gar zu sehr die Oberhand gewinnen wollen.
In der Psychologie würden sie vom „ich“ und „Über-ich“ sprechen, doch meiner Ansicht nach ist das Wichtigste in und an uns unser Selbst, verbunden durch unsere Herzgefühle und unsere Intuition.
Egal, wie bekloppt eine Entscheidung sich für Waldorf und Stadler angefühlt hat, ich habe in den vergangenen Jahren immer die Erfahrung gemacht, genau damit goldrichtig zu liegen!
Seitdem spreche ich häufiger mit den Zweien und schick sie zum Chillen. Schließlich haben sie jetzt über 40 Jahre lang mein Leben bestimmt und gesteuert – jetzt sind definitiv Herz und Intuition dran.
Und eines kann ich Euch sagen: Es wirkt, so mit ihnen zu reden und auch sie wegzuschicken. Ich lehne die Zwei ja nicht ab, sie haben (zumindest aus ihrem Verständnis heraus) ja auch lange Zeit nen tollen Job gemacht.
Doch jetzt passen sie erstens nicht ganz hier hin und zweitens haben sie sich nach all der Zeit echt ne Pause verdient. Das akzeptieren sie mittlerweile auch größtenteils ohne zu Murren.

– Bis es um‘s Thema Motorradfahren ging! Hallelujah, was haben die Beiden für einen Aufstand gemacht!!!

Die Stimmen in meinem Kopf

Alle meine Unfälle aus Teenie-Zeiten haben sie wieder hervor gekramt, die Krankenhausaufenthalte, als ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte, die Schleudertraumatas, die Panik, wenn von der Seite ein Auto zu schnell an eine Kreuzung fährt – all das hab ich nochmals lang und breit von den Beiden präsentiert bekommen.
„Nö“, hab ich denen gesagt, „damals war damals und jetzt ist jetzt“. Ich spiele heute nach (und mit) anderen Spielregeln als 1980/90, und so sind die Gegebenheiten heute komplett anders. Chillt mal, Ihr Zwei, ich hab auf Euren erhobenen Zeigefinger keine Lust, der passt heuer einfach nicht!“
Waldorf hat ihn dennoch noch ein paar Mal kurz gehoben, aber die Klappe gehalten.
Heuer ist wirklich alles anders – und doch habe ich nach dem Aufsteigen auf‘s Motorrad gemerkt, dass es auch eine Riesen-Vertrauenschallenge ist ( für mich zumindest).

Aufreißer nicht gefragt

Was mich lange Zeit auch echt gebremst hat, Einladungen zum Biken anzunehmen, war die Mentalität eines Großteils der männlichen Spezies, partout damit beeindrucken zu wollen, welch toller Hecht derjenige auf seinem Bike ist.
Leutz, ich will Spaß haben beim Fahren, nicht Kopf und Kragen riskieren! Doch das ist lange Jahre beim sogenannten starken Geschlecht gar nicht angekommen.
Doch als Sozia bei Tom fiel es mir wirklich einigermaßen leicht – den Umständen entsprechend, dass Waldorf und Stadler doch Einiges an Vorarbeit geleistet haben.

Sauerland, Motorradland

So führte uns der erste Teil unserer Tour am schönen Sorpesee vorbei Richtung Attendorn, Hohe Bracht.
Kurven fahren? Uiuiui… seinerzeit war neben der 1100er BMW das Größte die Kreidler Florett meines Bruders, und der hat mich fürchterlich angeschissen, wenn ich in den Kurven nicht anständig mitgegangen bin.
Nun sagte Tom zu mir, ich sollte nicht so drücken. Hä? Drücken? Mach ich doch gar nicht…

1000 erste Male - Motorradtour
1000 erste Male – Motorradtour

Tja, größere Kisten, andere Handhabe – oder vielleicht konnte einfach mein Bruder nicht fahren? 😉
So hab ich die meiste Zeit unseres ersten Tourenabschnitts darauf verwandt, mich in meine Rolle als Sozia hinein zu finden.
Mit ganz viel Herzflattern hier und dort, auch wenn ich in mir drin dieses bekannt ruhige, intuitive Gefühl hatte, dass alles goldrichtig läuft…
Und doch guckten Waldorf und Stadler immer wieder aus ihrer Hängematte raus, die Angstimpulse bzw. der Herzklappenkolibri blieb mir zumindest am ersten Tag für weite Strecken erhalten.

Kurven im Siegerland

Wer schon mal zwischen Sauer- und Siegerland Motorrad gefahren ist, wird sich immer wieder an die herrlichen Kurvenstrecken erinnern.
So, wie wir hier bei uns mindestens 1000 unterschiedliche Regenbezeichnungen kennen (viel, wenig, Niesel, Fissel, Schütten, platschen, dauer, schauer, nasskalt, schwülwarm – nee, ich hör jetzt auf!), so gibt‘s auch die unterschiedlichsten Arten von Kurven.
Gerade die Hänge der Berge hinauf oder die Ufer der Flüsse und Seen entlang findest Du von langgestreckten 180°-Kurven über schwungvolle S-Kurven, Doppel-S-Kurven so ziemlich alles.
Für mich waren besonders am ersten Tag eine Menge Uiuiui-Kurven und aber auch oh-mein-Gott-Kurven dabei. Das sind für mich die, die um die 180° oder manchmal auch mehr haben – und schlimmstenfalls auch noch in eine S-Kurve übergingen.
Diese tiefe Schräglage erinnert mich immer ans Fliegen, wenn das Flugzeug schon kaum nach dem Start in eine scharfe Kurve ging. Dass das geht, ohne dass wir runter fallen, war mir noch nie geheuer!!!
Und genauso ging‘s mir am ersten Tourentag mit den Kurven.
Tempo? Fand ich nicht schlimm – meistens zumindest. Die Strecke bis zur Hohen Bracht war klasse zu fahren, auch wenn wir bei Temperaturen um 30 Grad ganz schön ins Schwitzen geraten sind.

Siegerlandtour
Siegerlandtour

Dort haben wir uns mit Goeldi getroffen, der nicht nur ein Freund von Tom ist, sondern dessen Blog ich auch schon eine ganze Weile folge (und kommentiere).
So passte es gut, dass er quasi auf der Strecke lag und wir die Tour zumindest in 2 Etappen fahren konnten.
Also trafen wir mit Goeldi an der Hohen Bracht zusammen, quatschten ne Runde und fuhren dann noch etwas Tour in der Region.
Mann, war das ein Unterschied! Goeldi fährt, als wenn es kein Morgen mehr geben würde – geschweige denn Straßenverkehrsvorschriften wie Überholverbote oder Geschwindigkeitsbeschränkungen.
Da kam also nochmal eine gewaltige Schippe oben drauf, auf die bis dahin doch eher gemäßigte Tour durchs Sauerland.
Da hab ich mich ganz ehrlich drüber gefreut, dass bei der Hitze auch die Jungs nicht soo unglaublich viel weiter fahren wollten, sondern der Durst auf ein Bier immer größer wurde.

Sauerländer und saures Bier

Wer von Euch denkt, die Bezeichnung Sauerland würde auch mit saurem Bier zusammen hängen, der hat sich gewaltig getäuscht.
Hier, im Eldorado bzw. Bermudadreieck von Krombacher, Warsteiner und Veltins kommen selten Weintrinker zur Welt, und eine der größten Sünden ist: Der „Bierfrevel“.
Verschütten bringt Dich mindestens in die Hölle – aber was ich noch nie, wirklich noch nie seit ich denken kann, erlebt habe, ist Bier, das abgelaufen und sauer geworden ist!!!
Dazu müsst Ihr wissen (falls Ihr ihm nicht eh auch schon folgt), dass Goeldi ein Sauerländer ist, den es ins Siegerland verschlagen hat.
Echt mal, ein echter, gebürtiger Sauerländer – und das Bier wird schlecht? Für mich war sowas vollkommen irreal, und doch war es hier harte, (an einem so heißen Tag sogar) brutale Realität:
Du kommst durstig bei 30 Grad von einer Motorrad-Tour, Dein Hintern tut Dir weh und Du freust Dich auf ein kaltes Bier – und dann das! Vor allem: Nö, es war nicht nur ein bisschen über dem Verfallsdatum, sondern round about an die zwei Jahre!
Goeldi, Goeldi, wo hast Du nur Deine Wurzeln vergessen? Im Omman, in Andalusien, Schweiz, Dänemark oder wo es Dich auch sonst auf der Welt schon hin verschlagen hat?
Ich werd auf jeden Fall für dich beten, denn die Hölle hast Du ganz sicher nicht verdient – wobei die ja schon auf das Verschütten von Bier steht, ich habe keinen blassen Schimmer, welche Todsünde es ist, Bier schlecht werden zu lassen… 😉
Auf zur großen Tour
Mein erster echter Tour-Tag endete also mit lecker Grillen und frischem Krombacher in spaßiger Runde beim Goeldi – doch so ein bisschen Magengrummeln hatte ich schon. Von 680 km bis Garmisch hatten wir gerade mal so um die 100 weg. Das war noch ne ganze wilde Ecke, und mir tat mein Po schon von der ersten Teiletappe weh! 🙂
Ganz ehrlich? Stundenlang auf der Autobahn bei rd. 30, Spitzentemperatur 35 Grad, hohen Geschwindigkeiten, die stellenweise dann wieder mit Stehen im Stau abgelöst wurden – ich hätte mir weniger Gedanken um das Tempo gemacht.
Ich hatte unterm Strich betrachtet literweise Schweiß in den Stiefeln stehen und umher sehen und die Landschaft genießen machst Du (bzw. ich) zumindest bei Tempo 170-220 nicht mehr.
Da war ich froh, wenn ich meinen Kopf einigermaßen gerade in Toms Windschatten halten konnte, so ungewohnt waren die Kräfte, die ich im Bereich Kopf/Nacken zu spüren bekam.
Doch mit staubedingten Umwegen, ein paar Tank- und Rauchpausen haben wir dann doch nach ca. 10 Stunden unser Ziel erreicht.
Ich denke, ich kann mich ganz glücklich schätzen, dass die Jungs nicht noch auf die Idee kamen, mich einer „Taufe“ zu unterziehen (*lach*)
Auf jeden Fall war ich anschließend stolz wie Oskar; Waldorf und Stadler haben es sich in der Hängematte echt gemütlich gemacht und mittlerweile verschwende ich auch keine Gedanken mehr an meine Unfallzeit vor über 20 Jahren.
Nur mein Popo braucht wohl doch etwas mehr Gewöhnungszeit… 😀 😀 😀

Hast Du auch ein erstes Mal auf dem Motorrad für mich? Dann hau es raus und ab in die Kommentare. Was es alles noch an „1000 erste Male“ gibt, dazu geht es immer wieder mal weiter.
Motorradlastig bleibt der nächste Eintrag: 1000 erste Male – über‘s Timmelsjoch nach Meran.
Freu Dich drauf!

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Ein Gedanke zu “1000 erste Male – Motorradtour

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