Auch im Paradies gibt’s Fliegen – über Idealismus, Dankbarkeit und Leben im Moment

November 2015. Ich blicke auf’s Meer. Türkisfarben rollen die Wellen mir entgegen. Es ist, als ob mir meine Seele entgegen kommt…
Dabei hänge ich hier im Nichts, nachdem der seit über 2 Monaten geplante, durchorganisierte und besprochene Auftrag von heute auf morgen abgesagt wurde.
Da stand ich nun, mit riesigem Backpack, Hund und Laptop aber ohne Zelt oder Schlafsack allein in Tarifa, ohne konkreten Plan, wie es weiter gehen sollte.
Internet und Strom hatte ich nicht, um meine anderen Kontaktpersonen zu erreichen – aber eine wundervolle Seele in Gestalt des Weltenbummlers Herbie (www.herbieontour.de) kam mir zur Hilfe.
Manchmal, vor allem, wenn wir tief in uns Vertrauen in den Lauf der Dinge haben, geschehen die seltsamsten aber passendsten Dinge. Kein Regisseur würde sie ins Drehbuch aufnehmen – zu schräg, zu unwahrscheinlich. Und dennoch: That’s life… 🙂

Zeitsprung: Februar 2016

Noch immer fühlt sich alles so unwirklich an, und doch bin ich hier, hier im Süden Spaniens, mitten im „Winter“, bei sonnigen 20 Grad, in Salobrena. Ein Ort, der eigentlich gar nicht auf meiner Liste stand. Spätestens seit Dezember habe ich aufgehört zu planen – ist eh alles komplett anders gekommen und meine größte Hilfe auf diesem Weg war meine Intuition und mein offenes Herz.
Bis ich hier gelandet bin, ist die abenteuerliche Geschichte einer Frau, die auszog, sich selbst zu finden.

 

Rückblick, Juli/August 2015

Schon so lange war ich es leid: In meinem Keller stapelten sich nach wie vor die Klamotten und Spielzeuge meines Sohnes, seit er 4 Jahre alt war – der Bursche ist jetzt 20!!!
Ein Raum von ca. 30 qm Größe, voll ungenutzter Dinge. Dazu viel zu viel in meiner Wohnung, ich hatte eine tiefe Sehnsucht danach, „down zu sizen“, wie ich es nenne.
Ballast sowohl innerlich als auch äußerlich los zu werden.

Überall-worker an der Kette

Was mich am Meisten störte? Ich war seit über einem Jahr selbständig, konnte von überall aus arbeiten, solange ich Strom und Internet habe – warum um alles in der Welt saß ich immer noch in meiner kleinen Heimatstadt im Sauerland, in der der Großteil des Jahres eher grau, regnerisch und unfreundlich war???
Dabei wollte ich schon seit über 15 Jahren auswandern; am Liebsten in eine frankophone Region. Ich liebe die französische Sprache, die Mentalität, Gastfreundschaft und erst recht das Klima in Südfrankreich!
Was hält mich zurück?
Diese Frage beschäftigte mich nicht sehr lange, denn sie war ganz klar und die Antwort verhöhnte mich Tag für Tag auf’s Neue: All den Ballast, all die Sachen, die ich im Lauf der letzten 20-30 Jahre gehortet hatte, irgendwie los zu werden. Da war zu viel wirklich Schönes dabei, als dass ich es verschleudern wollte, doch am Meisten schreckte mich generell der Aufwand ab!
Beschreibungen erstellen, Fotos machen, Maße nehmen, in diversen Verkaufsportalen einstellen, verpacken, versenden… Eigentlich war mein Tag voll genug mit Hund und meinem Marketingjob!

Schnauze voll – irgendwann reicht’s einfach!

Juli/August war es dann soweit! Ich hatte echt sowas von „die Schnauze voll“ von all dem Zuviel. Außerdem vermisste ich Lebens-Art. In Deutschland prötteln unglaublich viele Menschen alleine vor sich hin, gegenseitige Treffen im Alltag, während der Woche? Fehlanzeige.
Und ich saß tagein, tagaus alleine vor meinem Rechner und fragte mich, was Lebensqualität für mich ausmacht.
Da kamen die Antworten sehr schnell: Ich liebe Geselligkeit, gute Gespräche, aber vor allem auch mildes Wetter, Sonne und blauen Himmel. Das hat auf mich sehr inspirierende Auswirkungen. Und die sind natürlich unglaublich nützlich, wenn man wie ich in einer kreativen Branche unterwegs ist.
Aber auch jetzt kamen natürlich wieder die Gedanken auf: Wie um alles in der Welt sollte ich die ganzen Klamotten los werden? Doch der Anfang kam auch hier per Impuls über Facebook:
Eine Freundin, allein erziehende Mutter eines kleinen Jungen, fragte nach ein paar Jeans – und wir fanden prompt in meinem Keller zwei Säcke voll Klamotten für ihren Junior. Dazu noch ein paar Schuhe und Spielzeug – der Anfang war gemacht!
Auch hier gab es ein paar Schleifen im Weg, die so nicht geplant waren. Menschen, die mir beim Verkaufen helfen wollten – aber mich entweder komplett hängen ließen, oder diesen Job einfach nicht so machten, dass das Ergebnis zufriedenstellend gewesen wäre. Also habe ich alles überarbeitet und im Anschluss eben doch selbst gemacht.

Zwei Monate – kurz oder lang?

Zwei Monate können echt als kurz oder lang empfunden werden. Ich frag mich heute, ob ich dazu überhaupt ein Zeitgefühl hatte. Ich war total beschäftigt mit „Rausverkauf“, einige Sachen hab ich gespendet oder an die Flüchtlingshilfe gegeben. Doch irgendwann war der Großteil geschafft – und mein Auftrag für eine Pferdefinca in Andalusien (meinem ersten Anlaufpunkt) rückte in immer greifbarere Nähe.
Zwischen dem 15.Oktober und dem 01.November wollte ich los – und da bot sich zudem noch an, dass ich einen Polo kaufen konnte. Perfekt, mehr, als was in einen Polo passt, wollte ich eh nicht mitnehmen!
So kam er unter dem Projektnamen „Marco Polo“ 😉 ins Team. Zum Glück hatte ich ein paar gute Freunde, die sich seiner angenommen haben, um ihn auch anständig flott zu machen.
Doch jeder von Euch weiß wie es ist, im normalen Alltag: Wir sind mit unserem normalen Leben schon so beschäftigt, dass solche Zusatzaufgaben, wie einen Polo fit zu machen, schnell zu viel werden können. Mein Wunschtermin rückte immer näher – doch Marco war immer noch nicht fit!

Na gut, dann flieg ich eben!

Auch der 01.November war längst verstrichen, von der Pferdefinca erreichten mich Nachrichten, wie dringend sie meine Unterstützung dort brauchen würden – also war die Entscheidung schnell gefallen:
Ein paar Flüge gecheckt und schon war klar: Ich komme per Flieger. Ich wollte eh zu Weihnachten heim zur Familie, also war das vollkommen passend für diese 6-7 Wochen!
Positiver Nebeneffekt: Meine „Jungs“, die an Marco herum schraubten, hatten weitere 6 Wochen Zeit, ihn fit zu machen.
Gesagt, getan, meine Finca-Mädels informiert und ebenso ein Zimmer in der Altstadt von Jerez für die ersten Übernachtung gebucht.
Mein erster Trip komplett alleine – noch dazu, ohne die Landessprache tatsächlich zu beherrschen!
Versteht mich nicht falsch, ich hab ’ne ganze Zeit lang spanisch gelernt. Aber weil ich niemanden um mich herum hatte, mit dem ich das hätte vernünftig trainieren können, hab ich vieles wieder vergessen und verlernt.
Doch ich dachte mir, die Worte kommen schon zurück, und nirgends lernt es sich leichter, als mit notwendigerweise Praxis vor Ort.
Nicht eine Sekunde lang war ich irgendwie ängstlich.
Wie ich mich in den letzten Tagen vor dem Abflug gefühlt habe, habe ich hier festgehalten:
Einfach sein
Wichtigster Tenor: Lass Deinen Verstand mal chillen, schick ihn in die Hängematte. In meinem Kopf befinden sich Waldorf und Stadler (aus der Muppetshow), die wirklich jedes einzelne Gefühl, jeden Gedanken kommentieren und versuchen, in Schubladen einzuordnen. Die schicke ich seit vergangenem Jahr regelmäßig zum Chillen in die Hängematte. Mittlerweile scheinen die zwei das auch zu genießen 😉
Tarifa, my love!
Tja, und dann stand ich in Tarifa, quasi lost in space, wenn ich nicht Herbie als rettenden Engel gehabt hätte. Alles kam komplett anders als ursprünglich geplant.
Aber auch hier habe ich mich nicht „aufgeschmissen“ gefühlt. Ich war die absolute Ruhe in mir und dachte nur: Alter, Du bist ja echt irgendwie abgefuckt tough, wo kommt denn das her? Ich kann’s Euch sagen: Ich folge sehr viel meiner Intuition, und wenn die mir das Gefühl gibt, dass etwas stimmig ist, dann kann ich mich blind drauf verlassen. Und genau das hat sie getan.

Folg Deinem Herzen
Folg Deinem Herzen

 

Richtig, falsch? Nee, wegig

Komischer Begriff? Mag sein. Abwegig kennt fast jeder, aber wegig?
Es geht eben nicht darum, die Situationen in richtig oder falsch einzustufen, sondern wir wissen alle, dass wir in einigen echt miesen Situationen die besten Wendungen oder auch Entwicklungen, Veränderungen erlebt haben.
Und so gilt es, Situationen einfach vertrauensvoll anzugehen und das bestmögliche daraus zu machen. Vollkommen darauf vertrauend, dass es eben schon seine Gründe hat, dass alles so ist.
So saß ich kopfschüttelnd am Strand von Tarifa, ins WLAN vom Nachbarhotel eingeloggt und wunderte mich nur über mich selbst…

 

Rio de la Miel – hier kannst Du Deiner Seele begegnen!

Sechs Wochen in Andalusien ohne Plan, Strom und nur sporadisch Internet können eine lange Zeit sein.
Doch eines habe ich mir direkt nach der Absage der Pferdefinca gesagt: Ich gehe nicht direkt wieder nach Deutschland, nur weil sich die Dinge hier gerade anders entwickeln! Oh nein, ich kann echt ein Terrier sein, und ich habe gespürt, dass ich hier im tiefen Süden Spaniens auf ganz wichtigen Spuren unterwegs bin. Meinem Weg zurück zu mir.

Wie das alles so lief, kannst Du Etappen-weise in „Geh Deinen Weg“ nachlesen; aber auch gerade jetzt, wo sich mein „Aussteigen“ beinahe jährt, habe ich nochmals über mein erstes Jahr als Tramp geschrieben.
Als Fazit kann ich nur sagen: Ich bin mir bisher schon eine ganze Menge selbst begegnet, mit allen Höhen und Tiefen, Schattenseiten und Lichtvollen.
Und bin dort im tiefen Süden Spaniens meiner großen Liebe begegnet – was meiner Ansicht auch nur ging, nachdem ich begonnen hatte, mir zu begegnen und absolut authentisch-intuitiv mein Leben zu leben.
Nachlesbar wie gesagt auf meinem Blog als „Geh Deinen Weg“-Story…

Mein Leben war nie schöner, abwechslungsreicher, erfüllter oder bereichernder!

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Ein Gedanke zu “Auch im Paradies gibt’s Fliegen – über Idealismus, Dankbarkeit und Leben im Moment

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